Anlässlich des Lichtfests in Leipzig, zu dem tausende Bürger der friedlichen Revolution von vor 20 Jahren gedachten, führte ich spontan ein Interview mit einer meiner fiktiven Persönlichkeiten, als wir uns zufällig Freitagabend in den Menschenmassen begegneten:
Sind sie hier, um mit den Leuten zu feiern?
Nein, ich will hier eigentlich nur durch.
Ist der 20. Geburtstag der Wiedervereinigung kein Grund zum Feiern für sie?
Nein, ist er nicht. Meine Erinnerungen an vor 20 Jahren ist sehr einfach. Ich war damals 11 und konnte nicht verstehen, warum meine Eltern weinen. Das hab ich vorher noch nicht erlebt und auch danach bis heute nicht mehr. Für die meisten Menschen hier ist es wohl eher ein Gedenken an das Volksbegehren und den Widerstand, den man dem repressiven Regime damals entgegengebracht hat. Ich hatte damit allerdings nichts zu tun. Genauso wenig würde ich zu einem Woodstock-Revival gehen oder ein Mondlandungsspecial im Fernsehen verfolgen.
Finden sie nicht, dass die Situation für die ehemaligen DDR-Bürger besser geworden ist?
Doch, und ich glaube, dass viele Menschen, die damals für mehr Bürgerrechte auf die Straße gegangen sind, heute in relativem Wohlstand leben. So tun es zumindest meine Eltern. Und wer im Wohlstand lebt, will dass es so bleibt, wählt konservativ, was aber genau für das Gegenteil dessen steht, was diese Menschen früher kritisiert haben. Heute bedrohen elektronische Überwachung und Generalverdacht die Menschenrechte. Sogar die Grundrechte werden geändert, damit die neuen Gesetze die Verfassung nicht verletzen. Terrorismus wird als Hetzgeschrei durch die Medien verallgegenwärtigt und als Begründung für alle Maßnahmen herangezogen. Die Zustände ähneln sehr den Zuständen vor 20 Jahren, doch die Bürger haben sich verändert. Diese Unterstützung von der älteren Generation fehlt mir heute manchmal, wenn ich gegen Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung und Onlinedurchsuchung auf die Straße gehe. Instrumente, wie sie die Stasi gern gehabt hätte, befinden sich nun in der Hand unseres Staates, der scheinbar nicht einmal weiß, was er damit alles anfangen kann und welchen Schaden es anrichten kann, wenn die gesammelten Informationen in die falschen Hände geraten.
Darf ich fragen: Was haben sie gewählt?
Ich habe die Linke gewählt.
Warum?
Weil es die einzige politische Organisation zu sein scheint, die aus den Fehlern des damaligen Regimes gelernt hat.
Kommentare
ein Zusatz...
Schöner Beitrag.
Ich habe ein wenig einen anderen Bezug zur Wende, da ich mich schon aktiv beteiligt gefühlt habe. An der Schule haben wir ständig diskutiert und im Nachhinein betrachtet bin ich mir sicher, es hat meine Kritik und wissentliche Beurteilung der Gesellschaft mitgeprägt.
Zum mittleren (längsten) Absatz:
Du hast eindeutig Recht. Die Möglichkeiten übersteigen heute schon längst die Möglichkeiten der Stasi und leider ist die Bevölkerung nicht annähernd so kritisch eingestellt wie damals. "Die" sind eben klüger geworden. Außerdem sind alle wohlhabender und mit vollem Bauch und Bild... naja... die Argumente kennen wir ja. :o)
Aaaaber... als bekennender Optimist glaube ich Tendezen zu erkennen, dass wieder ein Hauch von Revolution weht. Die Vernetztheit bringt Offenlegung von Geheimnissen, die Meinungsfreiheit wird genutzt wie lange nicht (mit Kritik an jeder Ecke), Internetnachrichten schaffen es ins Fernsehen und damit auf die Sofas der Leute, Studenten gehen mal wieder auf die Straße... Jedenfalls besteht immerhin die Chance, dass tatsächlich das Volk die Regierenden kontrollieren. Vive la Revolucion!!1
...oder wir schlagen aus den Gegebenheiten das Beste und lassens uns gut gehen... ;o)