Der Morgen beginnt ernuechternd. Obwohl meine Verdauung langsam wieder den Weg zur Normalitaet zu finden scheint, geht es jetzt bei Rene los. Und dass, wo wir doch heute mit dem Scooter durch die Gegend duesen wollten, um uns einige Fleckchen genauer anzuschauen, die uns zu Fuss zu weit erscheinen. Doch der versprochene Scooter kommt auch nicht. Meglin, Philaminas erstgeborener Sohn, beteuert immer wieder, dass er heute noch kommt. Dafuer haben wir wieder Zeit zum Nachdenken. Auch nicht das schlechteste. Es gibt viel, worueber man hier nachdenken kann. Zum Beispiel ueber die mehr oder weniger freilaufenden Schweine. Die haben ihren Schlafplatz hinter dem Haus, aber es gibt keine Umzaeunung, so dass die Schweinefamilie ueberallhin kann. Die Menschen werfen ihre Essensreste einfach vor die Tuer oder vor das Fenster, und wenn die Schweine auf ihrer Runde, die sie taeglich mehrmals machen, vorbeikommen, wird es verputzt. Der restliche Muell wird verbrannt, auch Plastik.
Auch wuesste ich gern, wo unser Wasser herkommt, dass wir zum Waschen und Teemachen verwenden. Philamina wird sicherlich auch damit backen. Ihren leckeren Kokoskuchen durften wir schon probieren.
Und Meglin ist der einzige, der mit Papas Motorad fahren darf. Meglin ist 17 Jahre alt. Zur Schule geht er nicht mehr, da beim Ausfuellen von dafuer notwendigen Formularen etwas schiefgegangen ist. Philamina kann auch nicht schreiben. Meglin ist immer in der Umgebung und geht Philamina hier und da zur Hand. mich erinnert das ein bisschen an die Erzaehlungen aus der Kindheit meiner Grossmutter.
Mittlerweile ist Nachmittag. Die Schweine ziehen ihre Kreise und die kleinen Kinder jagen die Ferkel. Wir sind es ueberdruessig, weiter zu chillen und auf den Scooter zu warten. Wir machen uns zu Fuss auf einen anderen Weg ins Dorf. Dabei sehen wir ein weniger touristisches Arambol. Keine Verkaufsstaende, dafuer Obsthaendler. Bananen sind doch gut gegen Durchfall. Ein Rupi das Stueck laesst uns nicht lange zoegern. Lecker sind sie obendrein, so dass jeder bald drei gegessen hat.
Rene liest an einem Fresswagenstand "Krishna" und bleibt sofort stehen. Hier gibt es gesegnetes Essen. Das muss gut sein. So bestellt er sich etwas nicht aussprechbares, geschweige denn im Gedaechtnis behaltbares und ich lasse mir von zwei dazugekommenen - ich vermute Israelis- Bipyriani(?) empfehlen. Ein Gefaess aus frittiertem Etwas gefuellt mit einer Teigmischung, schwimmend in leicht scharfer kalter Sosse. Sehr schwer zu beschreiben. Die zwei staemmigen Hinzukoemmlinge scheinen mir etwas suspekt. Obwohl sie sehr freundlich sind, macht der Haendler einen gedrueckten Eindruck, gingen sie doch sofort um den Wagen und stellten sich, als ob sie dazu gehoerten. Die 10 Rs Trinkgeld, die wir dem Haendler geben wollten, haben wir von den beiden auch sofort zurueckbekommen.
Wieder auf der Lebensader von Arambol angekommen erledigen wir notwendige Dinge wie Geld tauschen und Wasser kaufen. Anschliessend genehmigen wir uns noch eine Pizza und gehen an den Strand. Kurz vor Sonnenuntergang scheint hier am meisten los zu sein. Jongleure, Poispieler, Yoga-, Tai Chi-, Was-Weis-Ich-Praktizierende und einfach nur wie auf eine Schnur gefaedelte sitzende Menschen, die die Sonne anstarren. Ich denke mir, wie komisch es aussehen muesste, wenn einer in die entgegengesetzte Richtung sitzen wuerde. Ein Bild fuer eine Postkarte. Doch ich setze mich ordentlich dazu und warte, bis die Sonne versunken ist. Merkwuerdigerweise geht die Sonne fast daumenbreit ueber dem Horizont unter.
Und prompt, als die Sonne nicht mehr zu sehen ist, zerspringt die Sitzkette und alle triefeln in verschiedene Richtungen auf. So auch wir, die den Heimweg antreten. Zu Hause angekommen sitzen wir noch ein wenig herum und erzaehlen mit Philamina und Erika. Philamina tritt ab morgen in eine dreitaegige Fastenzeit. Dazu faehrt sie frueh morgens nach Pernem, wo sich eine grosse Kirche befindet und sie zusammen mit vielen anderen Pilgern den ganzen Tag betet, singt, das Wort Gottes empfaengt. Erst spaet abends kommt sie zurueck und wiederholt dies die naechsten zwei Tage. Das macht sie einmal im Jahr.
Erika hat den ganzen Tag Ohrringe gefertigt. Die Steine dazu besorgt sie sich auf einem Markt im Norden, die Ohrringe verkauft sie auf Maerkten in Goa. Morgen will sie nach Anjuna, spaeter nach Mapusa. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf verdient sie sich ihren Lebensunterhalt in Arambol.
Und so begleiten uns die Geschichten des arambolischen Alltags in den Schlaf.