Geraedert stehen wir auf und packen im Halbschlaf unsere Sachen wieder zusammen. Unser Lieblingspage wartet derweil in der Tuer. Erst nach mehrfachen Auffordern und Betonen, dass er uns alleine lassen soll, geht er. Im Bahnhof warten unzaelige Menschen, und viele haben auf dem Boden ihre Quartiere aufgeschlagen. Unser Bahnsteig ist schnell gefunden und ueberraschend leer. Es scheint sich meine Annahme zu bestaetigen, dass so frueh sehr wenige fahren. Unser Abteil ist auch schnell gefunden; ein freundlicher Inder schaut auf unser Ticket und anschliessend an einen Zettel am Zug und meint, unsere Namen staenden darauf. Einsteigen koennen wir noch nicht, da noch saubergemacht wird. Die Wartezeit vertreiben wir uns im Morgendunkel mit einem Becher Chai.
Schliesslich betreten wir den Zug und finden unser Abteil, das wir mit einer Inderin teilen. Jedes Abteil besteht aus vier Schlafbaenken, die Wagen sind klimatisiert und es gibt fuer die Untenliegenden ein getoentes Fenster. Alles sehr schlicht, aber sauber. Als die Fahrt beginnt und wir den Bahnhof verlassen, zeigt sich uns eine weitere Seite von Mumbai. Ruinen alter Fabriken und halb abgerissene Anlagen, die bewohnt sind. Die Menschen leben in Raeumen mit drei Waenden und haengen Waesche auf einem halb abgebrochenen Balkon auf. Dahinter ragt ein Hochaus auf, welches zur Haelfte nur Stahlrahmen aufweist und zur anderen schon fertig beglast ist. Wir schlafen etwas.
Im Zug gibt es nicht viele Optionen. Staendig kommen Haendler vorbei und bieten Chai, Kaffee und allerlei Esswaren zum Verkauf. Rauchen ist verboten, so oeffnen wir die Tuer und rauchen am Einstieg. Das ist zwar auch verboten, aber mehr als meckern tut keiner. Die Landschaft ist sehr von Ackerbau dominiert. Vereinzelt sieht man Doerfer, wo das huegelige Land es zulaesst. Auch an Berghaengen finden sich idyllisch anmutende Haeuseransammlungen. Mit dem ein oder anderem Inder kommen wir ins Gespraech, aber so gut sprechen - oder verstehen wir - sie nicht. Rene bekommt heraus, dass ein aelterer Inder sehr vom Hitlerregime angetan ist. Als Rene ihm allerdings klar macht, dass bei und genau das Gegenteil der Fall ist, geht der Mann. Rene erklaert mir, dass das Nazitum grossen Anhang in Indien findet; schon allein aus der geschichtlichen Entstehung heraus, an der indische Religionen (siehe Kastensystem) nicht unerheblich beteiligt waren. Wir legen uns wieder schlafen.
Zwischendurch kommt der Zug-Manager und erkundigt sich, welches Essen wir haben wollen. Ich - aus dem Schlaf gezerrt - denke, es ist im 2AC - Ticket inbegriffen und sage ja zu 2xByriani. Natuerlich vergesse ich, dass Byriani standardmaessig Fleisch enthaelt und Rene kein Fleisch ist und ich keins essen will. Und umsonst ist es natuerlich auch nicht. Aber ich habs ja bezahlt, also genehmige ich mir zwei Loeffel, was ich spaeter bereuen soll. Und nicht mal der Ekel treibts runter. Ansonsten bleibt uns nur viel Zeit zum Nachdenken.
In Mumbai habe ich zwei Jungs mit Kamera ein Interview ueber das Verkehrssystem gegeben. War das nur ein Vorwand? Und wenn ja, fuer was? Wir merken beide, dass Misstrauen zwei Seiten hat: Zum einen hilft es sich Gauner und Schlepper vom Leibe zu halten und zum anderen haelt es das Gehiern am Arbeiten und sicherlich behandelt man einige ehrliche Inder nicht mit der gebuehrenden Achtung. Man faehrt gut mit der Strategie, andere konsumierende Inder zu beobachten. Was und bei wem kaufen sie, was zahlen sie. Letztendlich zahlt jeder Neuankoemmling sein Lehrgeld und so mancher bestimmt noch darueber hinaus. Bist du nicht sicher, frage nach - bist du immer noch nicht sicher, lehne ab. Und eins noch: Wir haben in Mumbai gerade mal eine Kuh gesehen.
Gegen 18 Uhr haben wir unser Ziel Pernem erreicht. Wir treten auf einen kleinen Bahnhof, der aber gut besucht ist. Vor dem Bahnhof warten reichlich Taxis und Autorikshas, die uns nach Arambol bringen wollen. Wir haben keine Lust uns nach alternativen Transportmitteln wie einem Bus umzuschauen und lassen uns von dem Autoriksha-Besitzer, der uns schon freundlich am Bahnsteig in Empfang genommen hat, in sein Gefaehrt einladen.
Die Fahrt geht durch dicht bewachsene Landschaft. Immer wieder finden sich am Strassenrand kleine Dorfauspraegungen, und prinzipiell wird hier nicht anders gefahren, als in Mumbai und wahrscheinlich gesamt Indien. Doch da der Verkehr hier sehr ruhig ist, macht uns das weniger Sorgen. Auch ist die Geschwindigkeit, die ein Autoriksha erreicht, sehr entspannt.
Nach 15 Minuten kommen wir in Arambol an. Inzwischen daemmert es schon und wir muessen uns noch eine Bleibe suchen. Ueberall sehen wir Plakate und Transparente von Sharat, unserem bekannten Yogalehrer, bei dem wir einen Wochenkurs mitmachen wollen. Wir fragen eine Touristin, ob sie eine gute und billige Unterkunft kenne. Da sie eh den Weg gehen muesse, koennen wir gleich mitkommen. Sie ist Belgierin und hat ein Zimmer fuer 4000 Rs fuer vier Wochen gemietet. Zwei Wochen ist sie jetzt hier, will aber weiter und sucht jetzt Nachmieter fuer ihr Zimmer, aber zwei Wochen ist uns zu lang und 2000 Rs zu teuer.
Sie fuehrt uns zu Pias Place, was aber leider schon ausgebucht ist. Ein anderer "Nichteinheimischer" sieht unser Verharren und fragt, ob wir auf der Suche nach einer Unterkunft waeren. Er empfiehlt uns Pedros Place, nahe dem Strand. Er beschreibt uns grob den Weg, aber ohne mehrmaliges erneutes Nachfragen auf dem Weg dorthin, haetten wir es nicht gefunden. Inzwischen ist es auch stockdunkel. Waehrend wir noch suchen faellt der Strom aus. Nun fehlt auch noch die Hausbeleuchtung, die uns bisher als Anhaltspunkte fuer Erklaerungen dienten. Gluecklicherweise fuehrt uns die letzte Frau, die wir fragen, direkt hin; ueber Wege, die keine zu sein scheinen und notduerftige Bruecken ueber kleine Rinnsale.
Bei Pedros Place - geleitet von Philamina - angekommen nimmt uns eine Blonde Frau, die ebenfalls hier zu Gast ist, in Empfang. Sie, Erika, laesst und durch einen kleinen Jungen die letzten beiden freien Zimmer zeigen und waehrend des Gespraeches stellt sich heraus, dass sie ebenfalls Deutsche ist. Erika, Anfang 60, ist eine erfahrene Backpackerin. Sie reist seit den 70ern und war schon zig Mal in Indien. Eine Adresse in Deutschland hat sie keine mehr; lebt, wenn nicht in Indien, in Paris. Seit drei Jahren kommt sie regelmaessig im Winter nach Arambol und bleibt fuer ein paar Monate. Dabei wohnt sie immer bei Philamina - die gerade nicht da ist - und schwaermt in hoechsten Toenen von der Frau, deren Mann letztes Jahr verstorben ist und nun mit mindestens drei Kindern versucht die Herberge so gut wie moeglich zu betreiben.
Die Zimmer sind schlicht, die Betten und Matrazen durchgelegen, aber ventiliert und grob sauber. Ausreichend, denken wir. Und fuer 150 Rs pro Zimmer durchaus billig in Arambol. Wir entschliessen uns, erst einmal mit einem Zimmer und einem Bett auszukommen. Nachdem wir uns ausgebreitet haben, machen wir uns auf den Weg zum 100 Meter entfernten Strand. Auch, wenn es schon dunkel ist: Wir muessen das Meer wenigstens hoeren. Den Zugang zum Strand bildet eine Standbar, die sehr gemuetlich aussieht und uns auch von Erika empfohlen wurde. Nachdem wir das Rauschen der Wellen und den salzigen Wind einige Minuten auf uns wirken lassen haben, setzen wir uns in die Bar. Dort essen wir etwas und trinken ein paar Bier, bis uns die Muedigkeit ueberkommt und wir zurueckgehen, um uns schlafen zu legen. Als wir ankommen, treffen wir Philamina. Eine kleine muetterliche Frau, die sehr gastfreundlich ist. Sie gibt uns noch ein Kissen und eine Decke und fragt in typischem Indenglisch, ob wir noch was braeuchten. Wir verneinen in schuechterner Bescheidenheit und legen uns schlafen.
In der Nacht verspuere ich seltsames Blubbern und Verkrampfen in Magen und Darm, gefolgt von heftigen Kontraktionen im Mastdarm-Bereich. Und gute Nacht!
Kommentare
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Und gute Nacht!
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Deshalb ist die Ursache der Grund dafür!
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Na da ist doch die Beschäftigung für die Mittagspause gefunden. :-) Bin schon gespannt auf den nächsten Bericht.
super Bericht
Hallo Ulli, viele Grüße aus der Heimat... hab mir gerade mal Deine Berichte aus Indien durchgelesen. Echt spannend zu lesen. Hab gar nicht gewußt dass Du so ne gute Schreibe hast :-)
Wo sind denn die Fotos? Hab gehört irgendwo gibts Bilder zu sehen....
Wir wünschen Dir noch eine schöne Zeit...schreib bald weiter mit Deinem Bericht
LG, Doreen & Steven & L&L