Unser Flug aus Dubai geht puenktlich. Schon im Warteraum zieht es mir die Augen zu. Das Einchecken laeuft wesentlich chaotischer, wenn dreiviertel der Reisenden Inder sind. Jeder will der erste sein und erklaert dir - auch wenn du es nicht wissen willst - warum. Im Flugzeug wird das gleiche Programm wie beim Flug zuvor durchgezogen, nur komprimiert auf zwei Stunden Flugzeit: Erfrischung, Mahlzeit, Kaffee, Getraenke, Landung. Keine Gelegenheit zum Schlafen. Ich doese ab und zu weg, Rene ist voll da.
In Mumbai angekommen laeuft alles recht problemlos. Die gleiche Prozedur, wie ueberall, nur einfacher - und ohne Rolltreppen. Am Ausgang tauschen wir das erste Geld; effektiv 1:61. Zwei Bremer, die zufaellig auch nach Goa/Arambol wollen, organisieren schonmal ein Prepaid-Taxi, waehrend wir unsere groebsten Klamotten wechseln. Den Weg quer ueber die Strasse lassen wir uns von einem einheimischen erklaeren, der dafuer prompt bezahlt werden moechte. Kurz darauf sitzen wir zu viert plus Fahrer in einem Gefaehrt, dass so gross wie ein Trabi ist, und auch nicht schneller faehrt - zum Glueck. Die Haelfte des Kofferraums wird auch schon vom Gastank eingenommen. Aber das ist alles kein Problem. Etwas Seil und der Deckel ist schnell notduerftig zugeschnuert.
Waghalsig als Bezeichnung fuer die Fahrweise aller Verkehrsteilnehmer ist geprahlt. Es gibt Kreuzungen und Ampeln, die auch die Farben rot und gruen aufweisen, aber wer wann fahren darf ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Der Linksverkehr tut sein uebriges zur Verwirrung.
Die meisten schwarzen Taxis - wie unseres eins ist - haben keine Aussenspiegel, fahren mit Gas und die Hupe ist das wichtigste daran. Zeitweise glaube ich eine Hupsprache zu erkennen: "Achtung, ich komm jetzt rueber! - Nein, hier fahre ich schon. - Doch, ich komm jetzt." oder "Fahr endlich los! - Ich kann nicht. Der vor mir faehrt nicht. - Dann fahr doch vorbei. Da ist doch noch Platz."
Mumbai ist eine Grosstadt mit ca. 16 Mio. Einwohnern. Es gibt Hochhaeuser gesaeumt von verfallenen und verfallenden Gebaeuden. Slums. Und daneben wird ein neues Hochhaus gebaut. Ueberall sieht man, wie Menschen auf den Strassen schlafen, betteln oder einem seltsamen Handwerk nachgehen. Unser Taxi bringt uns nach Colaba, was ein sehr touristischer Stadtteil ist. Die Fusswege sind voll von Strassenhaendlern, und jeder ist dein Feund. Hier findet man alles an Klamotten, Raeucherwerk und geschnitzten Figuren. Wir lassen uns an einer Ecke absetzen und nehmen unser Gepaeck an uns. Sofort umzingeln uns mehrere Inder und bieten uns diverse Uebernachtungsmoeglichkeiten an. Wir sind voellig fertig von den bisherigen Strapazen, dass wir erst einmal etwas Zeit zum Verschnaufen brauchen. Wir suchen uns am Pier einen Platz, wo wir unsere Klamotten wechseln. Es ist hoellisch warm und trocken. Alle Passanten schauen uns unglaeubig an und laecheln, als ob sie uns fragen woellten, ob wir uns das gut ueberlegt haetten. Ich bin mir nicht mehr sicher. Eigentlich war es nie. Sicher fuer mich ist, dass wir hier nicht lange bleiben. In dem Chaos werde ich mich nicht wohlfuehlen. Vielleicht aendert sich das, wenn wir erst eine Weile in Indien sind. Noch einmal hierher muessen wir ja eh: unser Rueckflug steht noch aus. Doch zunaechst ist unser geplantes Reiseziel Goa, und dafuer muessen wir ein Zugticket besorgen. Also schauen wir im Reisefuehrer nach einer empfohlenen Bleibe in Bahnhofsnaehe und machen uns mit einem Taxi auf den Weg dahin.
Das "Royal City Palace" (Namen sind hier Schall und Rauch) liegt schraeg gegenueber des Bahnhofes. Wir checken ein und lassen uns ein Doppelzimmer fuer eine Nacht geben; 1950 Rupies (laut Reisefuehrer 950 Rupies) ist nicht gerade billig. Aber umgerechnet 30 EUR sind zu verkraften. Es ist schon witzig, wie sich dieses Hotel bemueht. Der Page traegt unser Gepaeck, der Liftboy faehrt uns mit einem Minifahrstul in unsere Etage, der Page zeigt uns in dem winzigen Zimmer, wie der Fernseher und die Klimaanlage zu bedienen sind und macht auf sich aufmerksam, als er ein Trinkgeld moechte. Wir geben ihm 10 Rupies. Und endlich Ruhe.
Unglaublich, wie gross der Unterschied zu draussen auf der Strasse ist. Man hoert zwar immer noch den hupenden Verkehr, aber mit Ohropax ist das kein Problem. Schlafen werde ich koennen.
Wir ordnen unsere Sachen und ueberlegen, was wir als naechstes anstellen. Zunaechst brauchen wir das Zugticket nach Goa. Das sollten wir uns schnell besorgen. Rene wurde erzaehlt, dass die Schalter nur bis 13 Uhr geoeffnet sind. Gesagt getan. Vor dem Bahnhof bekommen wir noch diverse Angebote, mit einem sogenannten Sleeper Bus nach Goa zu fahren. Was uns einigermassen verwirrt. Wir wollen aber doch ersteinmal hoeren, was uns am Schalter erzaehlt wird. Und hier warten wir.
Am Touristenschalter gibt es noch mehr Europaeer, die nach Goa wollen. Unter anderem zwei Franzosen, die schon eine richtige Zugreise hinter sich haben. Sie koennen die "3. AC Sleeper" Klasse nur empfehlen, machen sie es doch seit New Dehli und werden es auch nach Goa machen. Wir sind misstrauisch, nehmen lieber "2. AC Sleeper" und zahlen dementsprechend mehr. Mit unserem Ticket in der Hand verlassen wir um einiges erleichtert den Bahnhof. Jetzt haben wir Zeit uns ein wenig umzuschauen. Wir lassen uns noch einige Minuten von dem Verkehrswahnsinn inspirieren, anschliessend genehmigen wir uns einen Chai und begeben uns per Taxi wieder nach Colaba. Wir schlendern die Einkaufspassagen entlang und erstehen einige Kleidungsstuecke. Im Hotel sollen wir erneut dazu belehrt werden, Sachen vorher anzuprobieren, bevor man kauft oder zumindest auf das Groessenschild achten. Denn dass es billig ist, ist egal wenn es trotzdem nicht passt.
Nachdem wir uns genug des Trubels gegeben haben, beschliessen wir noch etwas zu essen und dann schlafen zu gehen. In einem Strassenrestaurant bestellen wir uns Dal mit Reis und verschiedenen Wuerzsossen. Ich bin froh Dal Fry genommen zu haben, was nicht scharf sein sollte. Doch es war weit schaerfer, als was bei uns als scharf gilt. Aber was ich festgestellt habe: die Schaerfe haelt nicht lange an. Mit dem Taxi geht es zurueck zu unserem Hotel, doch bevor wir uns hinlegen wagen wir uns noch in eine der zahlreichen Seitengassen und sehen hier das Leben in Mumbai: spielende Kinder, Maenner, die eine Wand verputzen; mit Moertel, der auf den Strassenboden angemacht wird. Ich starte den zweiten Versuch, mir eine Prepaid-Karte fuers Handy zu kaufen: "Only Mumbai, Sir". Wir legen uns schlafen.
Immer wieder wird mir heiss und kalt. Ich schwitze und friere. Irgendwann werde ich wach und kann nicht wieder einschlafen. Der Strassenlaerm scheint unverhaeltnismaessig lauter geworden zu sein; ich greife beruhigt zu meinen Ohropax. In der Nacht traeume ich seltsame Dinge von un- und undurchschaubaren Gaengen, die man taetigen muss, bevor man in den Zug darf, bzw. ueberhaupt etwas darf. Alles ist so unendlich kompliziert, dass ich den Weg und das Ziel verliere. Halb sechs klingelt der Wecker.
Kommentare
spannend
sähr schöne Berichterstattung! bin schon gespannt, wie es (euch) weiter (er)geht. das Chaos wird sich mit der Zeit bestimmt relativieren und wenn ihr wieder hier seid, wird euch alles voll langweilig vorkommen. greetz, passt auf Euch auf!
Wow, Ulf meldet sich aus der
Wow, Ulf meldet sich aus der Zukunft!! Echt toll geschrieben.. Wie ein spannendes Buch. Ich hoffe es gelingt dir weiterhin uns mit deinen Geschichten zu versorgen. Ich wünsche dir noch viel Spaß und gutes Gelingen auf deinem Trip. Gruß, Benny