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2. August - schwerer Abschied

Bild von smoe

Zeitig soll es losgehen, deswegen stehen wir früh auf. Laut Karte ist es ein langer Weg nach Avrig, von wo wir hoffen eine Zugverbindung ins Donaudelta zu bekommen. Halb sieben küsst die Sonne die Bergspitze und uns fällt sofort das winzige Detail auf: klarer Himmel. Welche Ironie, dass wir für den Tag, als wir uns aus dem Berg verabschieden dieses Wetter bekommen. Ich glaube ja an Schicksal und sehe das als Bestätigung für unsere Entscheidung, den Berg nicht länger mit unserer Anwesenheit zu belästigen. Wahrscheinlich wären wir abgestürzt, oder vom Bären gefressen worden.
Die Schuhe sind halbwegs trocken, wir haben alles gepackt, das Zimmer ist bezahlt, viel Geld ist nicht mehr übrig. Hoffentlich können wir in Avrig Geld tauschen.
Halb neun gehen wir los. Vor uns sehen wir eine Wolkendecke, die für unser zukünftiges Reisegebiet sonnenlose Zeiten erahnen lässt. Aber wie meine Oma immer zu sagen pflegt: nichts genaues weiß man nicht. Erstmal dorhinkommen, wo wir hinschauen. Der Abstieg geht durch uriges Waldgebiet. Der Regen der Vortage hat den Boden aufgeweicht und im Zweifel ist es immer glitschig. Nach diesem Prinzip kommen wir recht vorfallslos auf gutbefestigte Wege, vorbei an Bergflüssen, Packeseln und Beerensammlerinnen. Und hier erhalten wir die Möglichkeit auf eine zügigere Beförderung. Der alte Herr, der die Mädchen mit seinem Pferdewagen in den Wald gefahren hat kommt zurück und nimmt uns mit nach Porumbacu de Sus. Wir verstehen was von 20 km, aber wahrscheinlich beschreibt die 20 doch nur die Summe an Lei, die der Alte für die Beförderung von uns fordert. 20 Lei können wir gerade noch zusammenkratzen und so hiefen wir unsere Rucksäcke auf den Wagen. Wir fahren los, und wenn man sich nicht bewegt kann es ganz schön kalt im Wald werden. Ich überlege, welchen Aufwand es wohl macht, die Jungs zu bemühen, mir was Langes aus meinem Rucksack zu holen. Doch um das einschätzen zu können müsste ich wissen, wo im Rucksack was langes ist. Ich verwerfe den Gedanken und vertraue darauf, dass ich mir mittlerweile genug Abwehrkräfte antrainiert habe und dass wir bald den Wald verlassen,
Leider kann der Alte kein Englisch oder Deutsch, so sind wir auf Hände und Füße angewiesen, was sich zu Beginn sehr geduldzehrend anfühlte. Nach einer Weile wird es jedoch einfacher, Verkrampfungen lösen sich und man illustriert schon mal eindrucksvoll und für einen selbst völlig unmißverständlich, dass man eine derartige Natur noch nie zuvor gesehen hat. Prompt hält der Alte an und gibt mir zu verstehen, ich solle mein Foto machen.
Ich selbst habe auch einiges von dem Alten gelernt. Viele Bäume im Wald sind krank. Eine Art Pilz bildet sich auf der Rinde. Die Bäume werden markiert und später geschlagen. Es waren viele Bäume markiert. Ich glaube zu verstehen, dass der warme, feuchte Frühling für den Pilzbefall verantwortlich ist, meiner Meinung nach die lokale Auswirkung auf die globale Erderwärmung.
Als wir in flachere Regionen kommen, ist der Weg mit eindrucksvollen Landhäusern, Villen und Hütten besiedelt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier noch größer, als bei uns. Auf dem Weg, der immer noch nur ein Schotterweg ist kommen uns Audi, VW und BMW entgegen. Ein bizarres Bild.
Ein Blick hinter uns offenbart, dass wir das richtige getan haben. Der Berg hängt wieder einmal unheilvoll in Wolken. Eine willkommene Genugtuung.
Nach knapp zwei Stunden erreichen wir Porumbacu de Sus. Zu Fuß? mindestens fünf Stunden. Und wir sind noch nicht am Ziel. Von hier müssen wir noch Porumbacu de Jos und von da nach Avrig. Wir planten weitere zwei Stunden für diese Strecke. Glücklicherweise konnten wir unserem Alten verständlich machen, dass wir als nächstes nach Porumbacu de Jos müssen. Als wir an der Hauptkreuzung des Ortes ankommen, sehen wir ein Paar Leute, die scheinbar auf einen Bus warten. Unser alter Herr schwätzt kurz mit einem von ihnen, und dann kommt der Bus: ein VW-Transporter. Die Leute steigen ein und unser alter Herr macht hastige Bewegungen, als wenn wir schnell hin sollten. Ich gehe hin und frage auf Englisch, ob wir wir mitfahren könnten. Ein knappes Kopfniggen interpretiere ich als ja und kurz darauf sitzen wir hinten drin auf einer selbstreingezimmerten Bank neben einem Berg von Shirts oder ähnlichem. Eine kurze Fahrt später und ein schnelles Rauswinken auf einer Kreuzung und wir stehen am Ortseingang zu Porumbacu de Jos. Der Bahnhof sei in der anderen Richtung, allerdings glaubt keiner von uns, dass man dort Fahrkarten kaufen kann, mal abgesehen davon, dass wir wahrscheinlich nicht mal das Geld für eine Fahrkarte zusammenkratzen können. Also entschließen wir uns in den Ort zu gehen. Möglicherweise gibt es dort einen Bancomat oder ähnliches.
Wir laufen die Hauptstraße entlang, doch so befahren die auch ist: sie macht keinen belebten Eindruck. Ein Honigverkäufer am Straßenrand erklärt uns, dass in Avrig eine Raiffeisen-Bank existiert, die unser Geld tauscht. Na das ist doch mal eine Auskunft. Bis nach Avrig seien es 7km immer an der Hauptstraße entlang, nicht zu verfehlen. Also laufen wir, in der Mittagshitze, an der Hauptstraße, die wirklich stark befahren ist, und Rumänen fahren nicht besser als Franzosen, Italiener, Spanier, ... Ich fürchtete erneut um Dennis' Leben. Ich male mir aus, wie sich vier Kreuze hier am Straßenrand machen würden. Mal was anderes als im Berg. Vielleicht würden sie unsere Unfälle vertuschen, in dem sie unsere Kadaver in den Berg schleppten und von einer Klippe stürzten. Die Frakturen wären sicherlich kaum von denen eines Autounfalles zu unterscheiden. Ich lenke meine törichten Gedanken auf die wachsenden Maisfelder. Micha schiebt sich schon einen rein. Er scheint in Sebes Sus auf den Geschmack gekommen zu sein. Nur kurz bemängelt er das fehlende Salz und die fehlende Wärme.
Um 15 Uhr sind wir in Avrig. Wir machen die Raiffeisen-Bank ausfindig, vor der auch schon ein paar Deutsche im Van warten. Mir kommt sofort der Gedanke einer Botschaft. Wir tauschen jeder viel, viel Geld, und wie ein Spielsüchtiger, der gerade seine letzten Ersparnisse im Casino in Chips getauscht hat - bereit alles auszugeben - gehen wir ins Magazin Mixt, in dem deutsche Rewe-Werbung prangt. Das einzige, was uns davon abhält, den Laden von sämtlichen Waren zu befreien ist, dass es kein Selbstbedienungsladen ist. Durch diesen Umstand irritiert kauft der ein oder andere von uns Sachen, die er eigentlich gar nicht will. Am schlimmsten trifft es den bis vor den Urlaub überzeugten Vegetarier Dennis, der sich gleich mal zwei dicke Knackwürste kauft und auch ohne Reue vertilgt. Die sollte später kommen.
Wir begeben uns zum Bahnhof, wo wir der Ticketverkäuferin die Aufgabe des Tages verpassen: vier mal nach Tulcea, ein Ort, der aufgrund falscher Aussprache erst nach Zeigen auf der Karte von ihr erkannt wird. Nach ca. 15 Minuten erhalten wir die erste Version der Fahrkarten, die jeden von uns um 320 Lei erleichtert und uns eine Wartezeit von 8 Stunden in Avrig und eine Minute Umstiegzeit in Bukarest bescherrt. Glücklicherweise wurden die Fahrkarten auf das falsche Datum ausgestellt, was uns die Möglichkeit des Intervenierens ermöglicht. Die finale Version unserer Fahrkarten lässt uns in ca. 30 Minuten in den Zug steigen, sah eine Wartezeit in Bukarest von vier Stunden vor und kam uns 28 Lei günstiger. Hätte es am Kiosk um die Ecke Eis gegeben, hätte ich der netten Frau eins gekauft.
Noch auf dem Bahnhof macht sich das Unheil bemerkbar, welches Dennis heimzusuchen drohte. Zunehmend klagt er über Übelkeit - woher das blos kam. Er konnte es sich nicht erklären. Im Zug spitzt sich die Lage zu: Dennis' Seele, die scheinbar auch maßgebend an der Balance der Verdauungsorgane beteiligt ist bleibt wie erwartet in Avrig zurück, was Dennis' Magen - mit den zwei Knackwürsten allein gelassen - nicht verkraftet. Glücklicherweise ist die Toilette nicht fern.
Auf unserer viereinhalbstündigen Fahrt nach Bukarest verabschieden wir uns entgültig vom Berg. Ich wechsle meine Schuhe, in dem Glauben sie für den Rest des Urlaubs sinnlos mit mir herumzutragen, letzte Blicke auf den wolkenverhangenen Berg, wir passieren Brasov - unser eigentliches Endziel, doch die Fahrt geht weiter. Wir haben noch Bier und Dennis geht es auch wieder halbwegs gut.
Gegen 21:30 kommen wir schließlich in Bukarest an. In vier Stunden geht unser Zug nach Medgedia. Wir geben unser Gepäck an der Gepäckaufbewahrung ab und schlendern mit den vier Metrotickets, die es dafür gab zur Metrostation. Eigentlich sollte ein Metronetz mit drei Linien nicht so schwer zu verstehen sein, dennoch haben wir etwas Mühe den richtigen Weg zur Piata Unirii zu finden. Ein paar mal fragen schafft Sicherheit. Die Ubahn ist sehr beeindruckend. Modern und sauber, ganz anders als das, was wir die letzten Tage erfahren haben. Ich denke an Sibiu. Eine westliche Tendenz lässt sich nicht leugnen. Ich frage mich, wie eine Millionenstadt mit drei U-Bahn Linien auskommt und ob die Komplexität der Leipziger Tram oder der Berliner Metro vielleicht einfach nur Größenwahn entsprungen ist. Nach vier oder fünf Stationen und einer ausgiebigen Suche nach dem Ausgang zur Piata Unirii stehen wir an einer Kreuzung und sehen uns um. Eine volle Umdrehung schaffe ich nicht; meine Augen bleiben am Ceaucescu-Palast kleben. Und dabei sehe ich vielleicht gerade mal 10 Prozent. Das pompöse Brunnenarrangement mit Mosaik-Grund davor trägt seinen Teil zur Imposanz bei. Wir laufen noch einige Zeit planlos durch die Stadt, doch Langeweile kommt nicht auf. Wo man hinschaut ist es wert hinzuschauen, aber die Anstrengung des Tages macht sich langsam bemerkbar. Wir suchen die kleine Café-Passage, durch die wir zuvor schon staunend durchgelaufen sind. Hier gibts Becks, Wasserpfeiffen und etwas Musik - auch sehr rar geworden in letzter Zeit. Ich überlege, ob ich in aus meiner Netlabel-Sammlung rumänische Künstler vorzeigen kann und versuche diesen Gedanken im Hinterkopf zu bewahren.

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