Lange währt der Schlaf allerdings nicht. Am frühen Morgen werden wir von einem Unwetter heimgesucht. Blitz, Donner, Regen und nicht zu vergessen: Wind. Alles da, alles nah. Ein unglaubliches Schauspiel, dem ich entspannter hätte beiwohnen können, wenn mein Zelt nicht diese komischen "Ich will nicht mehr"-Bewegungen gemacht hätte. Aber das Zelt ist zäher, als es aussieht und hält die paar Stunden des Weltuntergangs durch. Als wir uns heraustrauen um eventuelle Schäden zu begutachten, ist es bereits 8:30 Uhr. Naja, wir haben Zeit. Schließlich haben wir uns in Anbetracht der bisherigen Strapaze eine kürzere Etappe zum Ziel gesetzt.
Allerdings ist es immer noch regnerisch. Die Bergspitzen hüllen sich unheilvoll in Wolken, es ist trüb und diesig. Ich werde sofort nass, als ich meine Regenjacke ausziehe. Zum Glück haben wir die Schuhe gestern mit ins Zelt genommen. Da drin ist zwar alles klamm, aber immer noch besser als nass. Ich will gar nicht zusammenpacken. Durch die Feuchte schleppen wir bestimmt jeder nochmal ein halbes Kilo Wasser zusätzlich mit uns rum. Nach einem kurzen Frühstück mit Müsli und Blaubeeren von den Beerensammlern in Milchpulverwasser und einem Kaffee packen wir zusammen und brechen 10:30 Uhr auf.
Was nun kommt, sollte uns zerbrechen lassen. Ein Aufstieg auf ausgewaschenen Wegen, deren statistische Abrutschquote bestimmt recht hoch liegt. Ich frage mich, ob solche Wege anderorts nicht gesperrt würden und ob die, die hier zu Tode kommen ihre Kreuze hier am Weg oder unten beim Aufprallort haben. Wieder lassen wir Dennis ohne Rucksack gehen.
Viele Anstiege bringen uns an den Rand der Verzweiflung. Die nassen, rutschigen Felsen, der nicht zu sehende Abgrund, die nicht vorhandenen Ketten, wo mal welche waren. Wir sind froh, als wir auf dem Kamm stehen, wo der Wind zwar wieder bläst und die Feuchte durch alle Ritzen unserer Kleidung drückt, aber die Abrutsch- und Sturzgefahr nicht mit einem Fall in 10m Tiefe einhergeht. Kälte und Nässe lassen die Zeit halb so schnell vergehen. Keine Entschädigung für die Strapazen durch eine einmalige und unvergessliche Aussicht. Alles, wass wir sehen ist ein unendlich 10 Meter langer Weg.
Als wir unser Tagesziel erreichen, setzt erste Resignation ein. Das Refugio, welches wir anstrebten besteht aus einem Container, ca. 2x4 meter Fläche, der nach Schweiß und Pisse stinkt und voll ist. Wir waren wohl zu langsam.
Wir überlegen, ob wir unsere Zelte hier aufschlagen sollen, doch die wären sofort nass, kein Feuer hier oben, keine Option auf Rast. Wir entscheiden uns für den Abstieg, der eigentlich für morgen in aller Frühe geplant war. Es ist ca. 13 Uhr.
Ausgezehrt und mit den Nerven am Ende beginnen wir den Kampf gegen die Natur und uns selbst. Dennis - der am liebsten nur aufsteigen wöllte - versucht so gut, wie möglich das unwegsame Gelände zu meistern und nicht zu langsam voranzukommen. Wir - die für Dennis am liebsten einen Dscherpa engagiert hätten - versuchen geduldig und aufmerksam zu bleiben, um Dennis so gut wie möglich vom Berg zu bringen und uns selbst nicht in Gefahr zu bringen. Das schleichende Tempo macht uns zu schaffen, da wir ohne ausreichend Bewegung auskühlen. Sebb läuft wieder einmal vor, um Dennis die Bürde des Rucksacks abzunehmen. Nach vier Stunden zermürbendsten Abstieges im Nebel und durch bis auf die Knochen erspähen wir eine Hütte, in die wir all unsere Hoffnung setzen die Strapazen für diesen Tag enden zu lassen. Die Hütte entpuppt sich nach durchwaten eines hochgewachsenen Blattgemüsefeldes als bestenfalls Verschlag ohne Dach und Platz für Zelte. Wir sind mit unseren Kräften am Ende und tuen uns schwer in Entscheidungen fällen. Wieder einmal wissen wir nicht, wie weit es noch ist, noch, was uns erwartet. Irgendwann das Ungewisse oder jetzt das Unakzeptable. Wir entscheiden uns für das Ungewisse.
Keine Worte mehr, außer "Hier ists rutschig", "dort, dort und dort hintreten", "hier gehts tief runter" und "hier lang, dennis".
Nach geraumer Zeit finden wir einige Anhaltspunkte für unsere Position. Wege kreuzen den unsrigen, anhand derer wir auf der Karte erkennen, wo in etwa wir sind und wie weit es noch zu sein scheint. Schließlich überqueren wir einen Fluss und bringen auch die Baumgrenze wieder über uns. Im Wald kommt man sich schon etwas geborgener vor und auch der Nebel ist nicht so stark. Der Weg ist auch leichter zu gehen und teilweise haben wir es wieder mit Aufstieg zu tun. Das verwirrt. sind wir richtig gegangen? Erinnert euch an die erste Regel im Universum: Don't Panic!
Gegen 20 Uhr haben wir es schließlich geschafft. Wir fühlen uns, als wären wir der Hölle entflohen und im Paradies angekommen. Uns reizte auch nicht der Aufenthalt auf dem Dachboden der ersten Hütte mit seinen ca. 30 Feldbetten, wo schon einige Bergfreunde lagen. Wir gönnten uns relativen Luxus in Form eines sechs-Bett-Zimmers, wo wir erstmal unsere nassen Habseligkeiten zum Trocknen aufhingen. Schnell waren die Fenster beschlagen.
Wir ruhten ein wenig, bis uns der Hunger überkam und wir in der Gaststätte ausgiebig dem Luxus fröhnten und fettes Essen mit mehrern Bier genossen. Schnell war der Entschluß gefasst, dass wir nicht weitergehen, noch einen Tag hier bleiben und überlegen, was wir dann machen, wenn der Berg schon nicht in Frage kam. Der Abend war nicht sehr lang. Schnell übermannten uns Müdigkeit und Erschöpfung des erbrachten Tagewerks. Ein Joint von Dennis tat sein übriges.
Und gute Nacht.